FGM Hessen

FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V.

FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V. ist ein interkulturelles Beratungszentrum für Migrantinnen und ihre Familien, mit Schwerpunkt in Frankfurt am Main. Seit mehr als 40 Jahren bietet FIM Frauen in schwierigen Lebenslagen Rat und Unterstützung. Vertraulich, kostenlos und in mehr als 15 Sprachen.

Die Beratung von Frauen, die von FGM/C betroffen sind, ist ein Schwerpunkt bei FIM. Zentral ist dabei, mittels kultursensibler Aufklärungsarbeit, das Thema FGM/C zu enttabuisieren, die betroffenen Frauen zu unterstützen und zu begleiten sowie Mädchen vor einer drohenden Beschneidung zu schützen.

Bei FIM finden betroffene Frauen Aufklärung, Information und psychosoziale Unterstützung. Hierzu wurde seit 2010 ein eigener kultursensibler und proaktiver Beratungsansatz entwickelt.

In einem Video erklärt Charlotte Njikoufon, Psychosoziale Beraterin bei FIM, wie der von FIM entwickelte Beratungsansatz konkret aussieht und was es dabei zu beachten gilt:

Fragen zum Thema FGM/C an das FIM-Expertinnen-Team

Seit wann beschäftigt sich FIM mit dem Thema FGM/C?

Wir beschäftigen uns seit mehr als 10 Jahren – seit 2010 – mit dem Thema. Es hat sich damals in unserer Arbeit herausgestellt, dass es einen großen Bedarf bei unseren Klientinnen gab – da haben wir begonnen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir haben uns an vielen verschiedenen Stellen informiert, wir haben teamintern zum Teil kontrovers diskutiert, wie die Beratung aussehen kann, wir haben uns weitere Anregungen, Expertise und nicht zuletzt Vernetzung im In- und Ausland gesucht. Das Ergebnis dieses intensiven Prozesses ist unser eigener Beratungsansatz, mit dem wir sehr erfolgreich und nachhaltig betroffene Frauen beraten.

Was sind die Schwerpunkte der Arbeit von FIM zum Thema FGM/C?

Zuerst ist das natürlich die Unterstützung der betroffenen Frauen, die zu uns in die Beratung kommen. Dabei ist es wichtig, einen guten Kontakt herzustellen und der Klientin auf Augenhöhe zu begegnen. Für viele ist es das erste Mal, dass sie über ihre Beschneidung und auch die damit verbundenen Probleme sprechen. So gut es geht unterstützen wir dann dabei, dass die Frauen etwa eine adäquate medizinische Versorgung für sich finden. Viele waren in ihrem ganzen Leben noch nie bei einer Ärztin oder einem Arzt.

Besondere Priorität hat in unserer Beratungsarbeit immer der Schutz von Mädchen vor einer Beschneidung; durch einen guten Kontakt mit den Eltern, insbesondere mit den Müttern – wenn diese selbst betroffen sind oder aus einem Prävalenzland kommen – und mit viel Aufklärungsarbeit gelingt uns dies auch sehr erfolgreich.

Zudem ist eine Unterstützung im laufenden Asylprozess für viele Klientinnen wichtig – schließlich ist FGM/C als schwere Menschenrechtsverletzung eine Form geschlechtsspezifischer Verfolgung und somit u. a. ein Grund für Flüchtlingsanerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention.

Die Vernetzung mit anderen Organisationen – sei es hessenweit im pro familia-Projekt, sei es deutschlandweit über unsere Mitarbeit bei Integra – ist ein zentraler Baustein unserer Arbeit, durch den wir sicherstellen, aktuelle Entwicklungen zu verfolgen und unsere eigene Fachexpertise in die Diskussion einbringen zu können. Nicht zuletzt geben wir unsere Erfahrungen aus der praktischen Arbeit immer wieder in Fortbildungen an andere Fachkräfte weiter – denn der Bedarf an guter Beratung ist riesig!

Gibt es ein Highlight aus Ihrer Arbeit zu dem Thema?

Ein besonderes Highlight in unserer Arbeit ist es, wenn wir eine Frau auf dem Weg zur operativen Geschlechtsrekonstruktion begleiten können. Wenn die Operation erfolgreich gelungen ist, ist es toll zu sehen, was ihre Entscheidung für diesen Schritt mit den Frauen macht: Viele ihrer gesundheitlichen Probleme haben sich deutlich gebessert, die Frauen haben ein völlig neues Körpergefühl, viele sind froh und erleichtert, diesen Weg gegangen zu sein. Zum Teil sind die Frauen so begeistert, dass sie ihr neues Lebensgefühl auch in ihre Community zurücktragen, und so natürlich auch einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten. Andere Frauen wiederum behalten die Veränderung für sich, auch aus Sorge vor der Reaktion ihres Umfelds. Doch auch bei diesen Frauen wissen wir, dass sie ihre Entscheidung nicht bereuen, dass sie einen großen Schritt zu einer Verbesserung ihrer (gesundheitlichen) Situation gewagt haben.

Dies ist ein beratungsintensiver Prozess, der viel Zeit und Einfühlungsvermögen verlangt – vom ersten Informationsgespräch, über die Begleitung und Stärkung der Frauen bei den ersten Untersuchungen durch den plastischen Chirurgen Dr. med. Dan m. O’Dey vom Aachener Luisenhospital, bis zur Unterstützung bei allen möglichen damit verbundenen organisatorischen Fragen und Herausforderungen für den OP-Termin und die Zeit danach.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung, was wird am dringendsten benötigt?

Das ist eine ganz einfache Frage: Es müsste viel mehr Ärztinnen und Ärzte geben, die sich gut mit dem Thema FGM/C auskennen und die auf einfühlsame Weise betroffene Frauen beraten, diagnostizieren und auch behandeln können. Eine korrekte Attestierung der Beschneidung ist insbesondere wichtig, wenn die Frauen noch im Asylprozess sind. Dabei ist zentral, dass das Attest sehr präzise den Beschneidungstyp nach WHO-Klassifikation diagnostiziert – leider ist das oft nicht der Fall, was für die Frauen dann im Asylprozess ein großer Nachteil ist. Auch für die Behandlung von Beschwerden wäre es sehr wichtig, dass viel mehr Ärzt*innen – und anderes Gesundheitspersonal – gut über das Thema Bescheid wüssten, sich Zeit für die Frauen nähmen (die ja häufig in ihrem Leben noch nie bei einem Arzt / einer Ärztin gewesen sind!) ihnen wertschätzend, verständnisvoll und fachkundig begegneten. In diesem Bereich erhoffen wir uns lieber früher als später eine deutliche Verbesserung des Status quo. Die Frauen haben zum Teil massive und belastende Beschwerden – und sie haben genauso wie jeder andere Mensch ein Recht auf angemessene medizinische Versorgung. Im Moment sind wir aber leider noch weit davon entfernt, dass allen diese Versorgung auch tatsächlich zugänglich ist.